Erfahrungsbericht

National Rounds kurz vor dem Lockdown – neues Konzept für die „Pandemie-Saison“

5. März 2020. Knapp zwei Wochen bevor die ersten Geschäfte wegen COVID-19 schließen müssen, beginnen in Göttingen noch die National Rounds des Jessup Moot Courts. COVID-19 ist noch nicht offiziell zur Pandemie erklärt, Engpässe bei Schutzausrüstung in Italien sind Gesprächsthema beim Abendessen in großer Runde. Die Teams gehen gedanklich nochmal die Argumente für ihre Pleadings durch: Fälle der Staatennachfolge im 18. Jahrhundert, Expertenberichte zur Legalität autonomer Waffensysteme, amerikanische Zölle auf Stahl zum Schutz der „nationalen Sicherheit“, die mögliche Immunität des Diktators Omar al-Bashir vor dem Internationalen Strafgerichtshof.

Das Ergebnis nach der Vorrunde: Trotz intensiver Vorbereitung reicht es mit dem neunten Platz leider nicht für die Runde der besten acht. Die Enttäuschung war groß, aber trotzdem wurde zwei Abende intensiv gefeiert. Für viele war es die letzte große Party im Jahr 2020. Und das Team der HU ging am Ende auch im Wettbewerb nicht komplett leer aus, sondern durfte sich noch über den „Best Memorial – Runner-up“ Award freuen. Mindestens genauso enttäuscht dürften letztlich auch die Teams der Bucerius Law School, der Hertie School of Governance und der Universität Freiburg gewesen sein. Diese drei deutschen Teams konnten sich für die International Rounds in Washington qualifizieren, die kurz darauf ersatzlos abgesagt wurden.

Als die Veranstalter*innen von ILSA den Jessup Moot Court 2020/21 ankündigten, fiel trotz aller Ungewissheiten der Pandemiesituation schnell die Entscheidung, auch in diesem Jahr wieder ein Team der HU ins Rennen zu schicken. Obwohl unklar war, ob und wie der Moot Court unter Pandemiebedingungen stattfinden wird, erhöhte sich die Bewerber*innenzahl im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht. Das Bewerbungsverfahren fand ausschließlich digital statt. Diese Umstellung war nicht allzu ungewohnt für die Betreuenden. Schon in den Vorjahren hatten sich regelmäßig Studierende noch während eines Auslandsaufenthalts beworben, sodass das Verfahren auch auf Onlinebewerbungen ausgerichtet war.

Die COVID-19 Pandemie prägt den Jessup Moot Court 2020/21 inhaltlich wie organisatorisch. Kern des desjährigen fiktiven Falls ist ein Streit zwischen zwei Staaten über Schadensersatzforderungen wegen wirtschaftlicher Einbußen durch Reisebeschränkungen nach Ausbruch einer Pandemie. Außerdem geht es um diplomatisches Asyl für eine Whistleblowerin, die Jurisdiktion des Internationalen Gerichtshofs und den Abschuss eines vermeintlich für einen Terroranschlag genutzten Flugzeugs. Organisatorisch finden 2021 zum ersten Mal virtuelle „Global Rounds“ statt. Dabei treten vom 9. März bis 17. April über 500 Teams aus aller Welt gegeneinander an. Anders als in den Vorjahren qualifizieren sich nicht nur die besten Teams der National Rounds für den weltweiten Wettbewerb. Die National Rounds finden trotzdem statt – nicht wie zunächst geplant in Nürnberg, sondern ebenfalls virtuell. Im Ergebnis müssen die Mooties daher in diesem Jahr zwar schmerzlich auf das Erlebnis eines „richtigen“ Moot Court in Präsenz verzichten, können sich aber auf deutlich mehr Pleadings als in den vergangenen Jahren freuen.

Auch die Vorbereitung auf den Wettbewerb findet seit der Abgabe der Schriftsätze Anfang Januar virtuell statt. So kann zwar mehr oder weniger unter Wettbewerbsbedingungen geübt werden. Das richtige Team-Erlebnis, das die Teilnahme an einem Moot Court so sehr prägt, lässt sich in diesem Rahmen aber nur schwer nachempfinden. Insbesondere die traditionellen Kurztrips zur Vorbereitung des Teams nach Den Haag und Amsterdam, oder – wie im letzten Jahr – nach Nordfrankreich fehlen sehr.  

Glücklicherweise ist dem Jessup Moot Court die Unterstützung durch verschiedene Kanzleien weitgehend erhalten geblieben. Wir bedanken uns außerdem bei unserem Rhetorikcoach John Faulk. Auch in der neuen Welt des Online-Mootings steht John dem Team mit Rat für ein professionelles und überzeugendes Auftreten zur Seite. Virtuelle Probepleadings eröffnen für uns auch neue Möglichkeiten, schließlich fällt die körperliche Anwesenheit in Berlin Mitte als einschränkende Teilnahmevoraussetzung weg.

Nach dem Jahr 2020 mit einem „traditionellen“ Moot Court in Göttingen und viel Neuem bei der Vorbereitung auf den diesjährigen Wettbewerb freuen wir uns auf einen besonderen (und hoffentlich in jeder Hinsicht einmaligen) virtuellen Jessup Moot Court 2021.

Bericht: Jan Cludius