Erfahrungsbericht

Sieg auf ganzer Linie beim zweiten bundesweiten Moot Court Strafrecht

Es war soweit: Die zweite Auflage des noch jungen Moot Courts im Strafrecht sollte ursprünglich im Juni 2020 in den Räumlichkeiten des OLG Köln ausgetragen werden. Schnell fanden sich viele ambitionierte, wissbegierige Studierende, die für das Strafrecht brennen. Fünf von ihnen wurden ausgewählt. So durften wir die Humboldt-Universität zu Berlin beim Wettkampf vertreten. Eifrig fingen wir an, eine Lösungsskizze zu verfassen und die erste Sponsor*innennakquise zu betreiben, um die anstehende Reise nach Köln zu finanzieren.

Doch nur kurze Zeit später wurde unser Vorhaben von der Pandemie unterbrochen. Es war klar, der Wettbewerb würde nicht wie geplant stattfinden können. Alles andere hingegen war unklar. So vergingen Monate der Ungewissheit, in denen sich die Notwendigkeit einer Verschiebung abzeichnete. Die Erlösung ereilte uns schließlich im September 2020 mit einer langersehnten Nachricht: Der Moot Court findet am 15. Januar 2021 digital statt!

Unterdessen veränderten sich die Lebensumstände und -aufgaben der Studierenden, sodass sich unser fünfköpfiges Team drastisch auf zwei Mitglieder reduzierte: Lisann Poley und Leon Trampe. Doch wurden sie nicht lange allein gelassen und konnten auf Unterstützung eines neuen Teammitglieds hoffen: Julika Häusling, die sich schnell einfügen sowie inhaltlich einarbeiten konnte, war kurzerhand zur Stelle. Wir waren zu dritt, aber arbeiteten fortan wie fünf.

Bei einem ersten organisatorischen Treffen mit unseren beiden Coaches, Lukas Huthmann und Dr. Erik Weiss, beschlossen wir, mangels physischer Reise in diesem Jahr auf die Sponsor*innensuche zu verzichten: do it yourself war das Motto. Es folgten viele inhaltliche Treffen und wir erstellten die wohl umfangreichste Lösungsskizze unseres bisherigen Studiums. Unser Ziel war es, alle Probleme, möglichen Lösungsvarianten und jeden Millimeter des Falls mit Rechtsprechung, Büchern und Zeitschriften zu durchdringen. Jedoch stellten wir bald fest, dass diese Vorgehensweise allein zu keinem praxisnahen Plädoyer führen wird. Da für die Erarbeitung künftig unterschiedliche Lösungen und Strategien genutzt werden mussten, entschieden wir, die Gruppe in ein staatsanwaltschaftliches und ein Verteidigungsteam einzuteilen. Trotzdem trafen wir uns wiederkehrend digital, um Vorgehensweisen zu erörtern, über Probleme zu reden und uns Mut zuzusprechen. Schließlich war der Sachverhalt komplex und befasste sich mit den strafrechtlichen Herausforderungen der Digitalisierung sowie dem Wirtschafts- und Medizinstrafrecht. In der Folge widmeten wir uns auch dem Austausch von Wissen ü ber Heilpraktiker*innen, medizinischen Toxizitäten, Stromschlägen und kruden inneren Tatsachen.

Wir investierten viel Zeit in die Vorbereitung, führten intensive Diskussionen, plädierten bis zur Erschöpfung und missten eines nie: ein Lächeln im Gesicht. Wie konnten wir auch anders? Lukas Huthmann, der bereits das zweite Jahr als Coach agierte, versorgte uns mit Erfahrungswerten vom vorangegangenen Wettbewerb, organisierte still im Hintergrund oder gab ausdrucksstark Hinweise zur Sprache. Eine*n Rhetoriktrainer*in hatten wir nicht, aber dafür ihn. Dr. Erik Weiss gab uns hervorragende inhaltliche Anstöße, die uns den Fall in seiner Tiefe verstehen und auf das Wesentliche fokussieren haben lassen. Zudem brachte er als juristisch erfahrenstes Team-Mitglied praktische Expertise und pädagogisch wertvolle Hinweise ein, die unseren strafrechtlichen Horizont erweiterten. Dadurch führte er uns zu inhaltlicher Präzision und trug zur Vertiefung unseres dogmatischen Verständnisses bei. Eines war klar: Mit diesen Coaches bedurfte es fast keiner Unterstü tzung von außen.

Keiner, außer der von Vertreterinnen des vorangegangenen Moot Court Teams. Konnten sie im ersten Durchgang des Moot Courts Strafrecht 2019 selbst erfolgreich einen Podiumsplatz erringen, standen sie uns nun engagiert zur Seite und hörten sich unsere Plädoyers an. Anschließend gaben sie hilfreiche Anmerkungen und wappneten uns mit ermunternden Worten sowie ihren aus dem letzten Wettbewerb gewonnen Eindrücken und Ratschlägen für den vor uns liegenden.

Am 15. Januar 2021 begaben wir uns mit fein geschliffenen Abschlussplädoyers sowie voller Selbstbewusstsein und Vorfreude in die Zoom-Räume des Moot Courts. Nach einer kurzen Begrüßung verfolgten wir mit Spannung die mit Überraschungsei-Kapseln vorgenommene Auslosung der Vorrunden, um herauszufinden, gegen welche der teilnehmenden Universitäten wir antreten würden. Beginnen sollte unsere Staatsanwaltschaft gegen die Verteidigung der Universität Münster. Dabei glänzte sie mit einem souveränen Auftritt im Rahmen ihres Plädoyers und bot dem gegnerische Plädoyer Paroli mit einer flexiblen, geschickten Replik. Zwei Stunden später traf unsere Ein-Mann-Verteidigung auf die Staatsanwaltschaft der Universität Trier. Einem soliden Auftritt des Gegenübers erwiderte sie souverän ihre überzeugende Rechtsauffassung. Im Rahmen ihrer Duplik gelang es ihr abschließend, die Gegner*innen mit scharfsinnigen Reaktionen in ihre Schranken zu weisen.

Anschließend läutete es zur Mittagspause, nach der die Platzierungen verkündet wurden. Wir waren sehr gespannt, da jeweils nur ein gelostes Team der beiden besten Universitäten in das Finale einziehen durfte. Doch das Warten hat sich gelohnt – wir belegten den ersten Platz der Vorrunde! Unserem Team stockte der Atem und voller Freude überhörten wir, auf wen unsere Staatsanwaltschaft überhaupt treffen sollte. Nach anschließender Vergewisserung, dass die gegnerischen Verteidigerinnen von der Universität Tübingen kommen werden, konnten wir in die einstündige Vorbereitungszeit bis zum Finale um 16 Uhr gehen.

In dieser Zeit wahrten unsere Coaches eindrucksvoll die Contenance und wussten uns zu beruhigen. Getreu ihres Vorschlags gingen wir fü r einen Spaziergang an die frische Luft und hörten gute Musik. Die Zeit verging wie im Flug und so fanden sich unsere Vertreterinnen nach einer kurzen Team-Besprechung in den virtuellen Räumlichkeiten des OLG Köln wieder – der Rest ist Geschichte. Mit einer leidenschaftlichen Vortragsweise steigerte sich unsere ohnehin schon souveräne Staatsanwaltschaft noch einmal und verschaffte sich mit ihrem Plädoyer den Respekt der Gegener*innen aus Tübingen. Auf die zahlreichen Fragen des hochkarätig besetzten Gerichts – die BGH- Richter D. Nikolaus Berger und Dr. Carsten Paul sowie der Präsident des OLG Hamburg Dr. Marc Tully – lieferte unsere Staatsanwaltschaft schlagfertige Antworten. Dem nachfolgenden Verteidigungsplädoyer blickte sie unerschrocken entgegen und konterte mit einer überzeugenden Replik. Unser Team bestach mit Charakterstärke und stringenter Dogmatik. Unsere Coaches waren mit Stolz erfüllt und wir sehr glücklich.

Auf das Urteil der Final-Jury mussten wir allerdings bis zur Verkündung der Ergebnisse des Finales um 18 Uhr warten. In der Zwischenzeit hielt Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandradios und Vorstandsmitglied der Bundespressekonferenz, einen spannenden Abendvortrag zum Thema „Recht und Gesellschaft“, der uns solange auf andere Gedanken kommen ließ. In der anschließend Ergebnisverkündung kam es zu einem formidablen „Durchmarsch der HU Berlin“ wie Professor Thomas Weigend, Mitausrichter des Moot Courts, es beschrieb. Unser dreiköpfiges Team belegte trotz Unterzahl den ersten Platz. Zudem wurde Leon Trampe als bester Redner des Wettbewerbs ausgezeichnet. Wir erhielten JuS- Jahresabonnements, Buchpreise und den Beweis dafür, dass sich harte Arbeit auszahlt.

Der Moot Court war auch unabhängig vom Resultat ein Gewinn für uns alle, brachte er uns großen Spaß und eine Menge wunderbarer Erfahrungen, die wir nicht missen möchten. Daher bedanken wir uns bei dem letztjährigen Moot Court Team und bei Professor Martin Heger für ihre Unterstützung. Unser Dank gilt ferner dem Lehrstuhl von Professorin Frauke Rostalski für die herausragende Organisation des Wettbewerbs trotz widriger Umstände. Wir werden in große Fußstapfen treten, wenn unserer Universität im nächsten Jahr die Ehre zuteil wird, den nunmehr dritten Moot Court Strafrecht auszurichten. Abschließend möchten wir uns bei den besten Coaches dafür bedanken, dass sie stets an uns geglaubt und uns zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite standen.

Wir können es allen Studierenden uneingeschränkt empfehlen, die Erfahrung eines Moot Courts zu machen, und hoffen, dass sich im nächsten Jahr wieder ein engagiertes und ambitioniertes Team finden wird. Selbstverständlich möchten wir unserer Rolle als Titelverteidiger*innen gerecht werden und werden getreu des Vorjahresteams mit Rat und Tat zur Verfügung stehen.

Bericht von Leon Trampe