Der Soldan Moot Court zum anwaltlichen Berufs- und Zivilrecht fand zum zwölften Mal statt. Zwei Teams à vier Personen vertraten die juristische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben vielen Preisen in den mündlichen Verhandlungen nehmen wir vor allem wertvolle Erfahrungen und Erinnerungen mit nach Hause.
I. Der Fall – Anwaltlicher Sorgfaltsmaßstab in Zeiten von KI
Der diesjährige Fall drehte sich um eine Dreieckskonstellation im Anwaltshaftungsrecht: Eine Rechtsschutzversicherung klagte gegen eine Kanzlei, die zuvor einen Versicherungsnehmer in einem Zivilprozess vertreten hatte. Dieser Prozess betraf insbesondere Schadensersatzforderungen des Versicherungsnehmers gegen ein Bauunternehmen.
Die beklagte Kanzlei bot softwaregestützte Mandatsarbeit an und setzte hierbei künstliche Intelligenz ein. Sie verlor den Prozess gegen das Bauunternehmen, woraufhin die Rechtsschutzversicherung sie wegen mangelhafter Beratung und fehlerhafter Schriftsätze, die vermeintlich mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt worden waren, in Anspruch nahm. Streitpunkte waren insbesondere anwaltliche Sorgfaltsanforderungen, Vertretung trotz Interessenkonflikts, Umfang der Anwaltspflichten und die Frage, inwieweit künstliche Intelligenz bei der Erstellung von Schriftsätzen eingesetzt werden darf.
II. Aus der Vorlesung zum Gericht
Das Besondere am Soldan Moot Court ist vor allem der direkte Kontakt zu Praktikern: Anwälte und Richter, teils selbst an deutschen Gerichten tätig, geben unmittelbares Feedback, das weit über das theoretische Wissen in den Vorlesungen hinausgeht. Wir erlebten, wie Argumente vor Gericht wirken und wie wichtig die präzise und überzeugende Präsentation ist. Eine wertvolle Erfahrung ist dabei, sich selbst in Stresssituationen kennenzulernen. Vom Verfassen eines Klageschriftsatzes bis hin zur mündlichen Verhandlung haben wir gelernt, flexibel zu denken, Argumente von beiden Seiten zu verstehen und souverän auf unvorhergesehene Fragen zu reagieren. Jede Fallakte hat zwei Seiten: Es gibt keine eindeutige Lösung, sondern immer verschiedene Blickwinkel, die bedacht, abgewogen und überzeugend vertreten werden müssen.
Herausfordernd und gleichzeitig interessant ist hierbei, die Gegenargumente sorgfältig zu bedenken, um sie anschließend entkräften zu können. Unser Team zeichnete sich insbesondere in den mündlichen Verhandlungen aus, was unsere Coaches lobend hervorhoben. Wir schärften unsere rhetorischen Fähigkeiten und trainierten, spontan auf unerwartete Fragen zu reagieren. Besonders stolz sind wir auf den ersten Platz beim Pre-Moot an der Bucerius Law School in Hamburg. Beide Teams der HU erreichten das Finale. Team I und Team II der Humboldt-Universität zu Berlin durften nicht gegeneinander antreten, sodass dem Team II der dritte Platz zugesprochen wurde. In einem spannenden Finale gewann sodann Team I der Humboldt-Universität zu Berlin gegen die Leibniz Universität Hannover. Darüber hinaus wurden wir erstmalig mit zahlreichen Einzelpreisen ausgezeichnet. Wir belegten den ersten, zweiten und dritten Platz als Best Speaker sowie den ersten und zweiten Platz für die beste Zusammenarbeit im Team.
III. Persönliches Wachstum
Während des Wettbewerbs konnten wir zudem auch persönliche Kompetenzen entwickeln: Teamarbeit, Zeitmanagement und die Fähigkeit, unter Druck souverän zu bleiben. Durch zahlreiche Probepleadings in Kanzleien, Rhetoriktrainings und Schriftsatzworkshops haben wir hierbei gelernt, konstruktiv mit Fehlern umzugehen, aus Feedback zu wachsen und stets als Team zu agieren. Daneben haben wir langanhaltende Freundschaften geschlossen und wertvolle Kontakte zu Teilnehmern anderer Universitäten geknüpft. Die gesammelten Erfahrungen durch die Teilnahme am Soldan Moot Court, wie z.B. das souveräne Auftreten und überzeugende Argumentieren, werden uns im Studium und später in der Praxis nachhaltig begleiten.
Nun freuen wir uns darauf, als Coaches ein neues Team zusammenzustellen, es zu trainieren sowie aus einer anderen Perspektive neue Erfahrungen zu sammeln.
Zehra Koyuncu
